Ups and downs
Seattle 9.9.- 18.9.2019
Wenn einer eine Reise tut, hat er etwas zu erzählen. Wenn vier eine Reise tun, gibt es noch mehr zu erzählen. Manchmal auch nicht ganz so schöne Dinge, wie wir in der letzten Woche erleben mussten.
Aber erst mal von Anfang an: wir haben am Montag Mittag ohne besondere Vorkommnisse in Toronto eingecheckt. Naja, etwas Besonderes gab es doch: Eigentlich hätten wir für unsere Reisetaschen beim Einchecken pro Stück 35 Dollar bezahlen müssen – auf wunderbare und mysteriöse Weise wollte aber keiner von uns Geld haben. Das war auch mal ganz schön. Wir haben selbst bei der Ankunft in Seattle noch darauf gewartet, dass uns jemand anspricht und abkassieren will. Perfekt für unser kalkuliertes Budget, bei dem ich vergessen hatte ein paar Kleinigkeiten einzukalkulieren. (Zum Beispiel die Telefonkarten, Mautgebühren oder die Gasfüllungen im Camper.)
Mit einem kurzen Stopover in Vancouver sind wir gegen 18 Uhr in Seattle gelandet. Was fehlte, war Pollies Kindersitz, der irgendwie in Toronto hängen geblieben ist. Uns wurde aber versichert, dass er am nächsten Tag angeliefert werden würde und haben so lange einen Leihsitz bekommen.
Unser Freund Sean holte uns netterweise vom Flughafen ab. Für die, die es nicht wissen, wer Sean ist: wir haben Sean auf unserer Reise vor 5 Jahren auf Hawaii in der Gemeinschaftsküche unserer Unterkunft kennengelernt. Erfreulicherweise ist der Kontakt über die Jahre bestehen geblieben, es hat sich daraus eine tolle Freundschaft entwickelt und er hat uns auch schon zweimal in Bremen besucht. Das erste Mal alleine und letztes Jahr mit seiner Freundin Java und ihrem gemeinsamen Sohn Seneca.
Die beiden hatten uns eingeladen so lange bei ihnen zu wohnen, bis wir in unseren Camper umziehen um weiterzudüsen.
Abends, bei den Dreien angekommen, haben Java und Seneca auf uns gewartet. Wir hatten Seneca das letzte Mal im Dezember gesehen als er drei Monate alt war. Besonders Pollie war völlig aus dem Häuschen und schon seit Tagen ganz aufgeregt, weil sie sich so auf Baby Seneca gefreut hatte. Viel besser als ihre Baby Born, die mit auf die Reise gegangen ist.
Netterweise haben Java und Sean uns ihr Schlafzimmer überlassen, so dass wir ein riesengroßes Bett und ein eigenes Badezimmer für uns hatten. Die Kinder hatten eine Matratzenlandschaft auf der gleichen Ebene.
Seattle ist die Geburtsstadt und Headquarter von Amazon, Microsoft und Starbucks sowie die Heimat von ca. 124 kleiner und größerer Brauereien. Es ist eine bunte, tolerante, wundervoll komplexe und architektonisch reizvolle Stadt am Wasser. Reich an Parks und tollen Kunstinstallationen. Am Dienstag haben wir dann auch gleich zu Fuß Seattle Downtown erkundet. Die schöne Bibliothek, die Markthallen und Piers, einen Kunstpark und einen kleinen Strand. Sean hat uns seine Lieblingsplätze gezeigt und uns alles erklärt und geduldig auf uns gewartet, wenn wir wie verrückt Fotos gemacht haben. Abends waren wir fix und alle. Unsere Füße waren rund gelaufen und wir freuten uns aufs Bett. Allerdings wollte ich noch etwas auf dem Rechner schreiben. Leider war der Akku leer und das Ladekabel hat sich mysteriöserweise in Luft aufgelöst. Auch nach mehrmaligem Durchwühlen aller Taschen, blieb es spurlos verschwunden. Vielleicht sind wir ja ein reisendendes Bermuda-Dreieck. Ich werde das mal im Auge behalten.
Am Mittwoch haben wir vor unserer nächsten Sightseeing-Tour noch schnell einen Zwischenstopp in einen Gebrauchtwarenladen für Computer gemacht und dort ein Ladekabel für den Laptop erstanden. Das ist im Heimatland des Apfels ein Glück kein Problem.
Wir hatten den perfekten Tag: Die Sonne schien und wir haben wirklich wunderschöne Ecken von Seattle gesehen. Wir waren auf Spielplätzen (selbstredend), an der Space Needle, an Brunnen und wieder an Spielplätzen und Stränden. Zwischendurch waren wir noch an einer Schleuse und haben zugesehen, wie riesige Schlepper und kleine Boote hoch und runter geschleust wurden. Das Highlight dabei waren die Lachse, die durch eine spezielle Lachstreppe, vom Meer zum Fluss hoch schwimmen können. Auch die Robben, die sich vor der Lachstreppe zum Festmahl tummelten lösten Verzückungsquietscher bei den Kindern aus. Den Lachsen, die den Robben entkommen waren und es heile über die Lachstreppe geschafft hatten, konnten wir beim Feiern zusehen. Sie machten Luftsprünge und freuten sich augenscheinlich des Lebens. Würde ich wohl auch. Was für eine Odyssee, die sie schon hinter sich haben und erst noch vor sich haben. Ein kleines Wunder.
Wenn sich zu viele Robben vor der Schleuse tummeln wird eine Orka-Atrappe in Lebensgröße zu Wasser gelassen, die die gefräßigen Jäger abschrecken soll.
Ähnlich wie die Rabenattrappen zu Hause, die die Tauben fern halten sollen. Ob es erfolgreich ist, konnten wir leider nicht herausfinden.
Auch kulinarisch waren wir bestens versorgt. Wir hatten Tacos von Seans Lieblingsmexikaner und haben uns munter durch die Speisekarte probiert. Das Take-away-Geschirr ist 100%ig kompostierbar, so heißt es. Trotzdem hatte ich Bauchschmerzen beim Anblick des Mülls.
Wie gesagt: ein rundherum perfekter Tag mit 5 Sterne Bewertung.
Der Donnerstag fiel im Gegensatz dazu ab. Oskar war schlapp und fühlte sich nicht gut. Er hatte Fieber und wurde gleich wieder ins Bett verfrachtet, wo er fast den ganzen Tag verschlief.
Eigentlich hatte Sean einen Filmabend mit den Kindern geplant, so dass Christian und ich mal einen Abend alleine ausgehen konnten.
Da Oskar sich am Abend schon besser fühlte, fand der geplante Filmabend doch noch statt. Allerdings zusammen mit uns. Schade. Einen Abend zu zweit hätten wir dringend mal gebraucht. Aber vielleicht ergibt sich in Australien ja noch mal die Chance.
Am Freitag morgen hatte sich Oskars Temperatur wieder auf 37,8 runterreguliert. Wir waren schon guter Dinge, da wir noch ins Museum wollten und sich Oskar so sehr darauf gefreut hatte. Allerding kletterte seine Temperatur innerhalb kürzester Zeit wieder auf über 39 Grad, so dass erneut ein Bettag angesagt war.
Da Java am Freitag das erste Mal frei hatte (sie arbeitet als Notfallärztin im Krankenhaus im Schichtdienst), wollten wir ein wenig zusammen einkaufen gehen und Zeit miteinander verbringen. Am Sonntag sollte Senecas 1. Geburtstagsfeier stattfinden und es waren 40 Leute eingeladen, so dass wir noch etwas zum Vorbereiten hatten.
Als wir nach dem Einkaufen im Großhandel gegen 16 Uhr nach Hause gekommen sind und grade zur Tür reingekommen sind, hatte Oskar einen Fieberkrampf. Just in dem Moment als wir reinkamen.
Sofort rief Java die 911 an. Der Krankenwagen und die Feuerwehr (beide kommen immer zusammen wenn man den Notruf wählt) waren innerhalb von wenigen Minuten vor Ort. Da hatte der Krampf ein Glück schon nachgelassen. Mit Blaulicht und viel Tatütata sind wir mit einem Affenzahn ins Seattle Children’s Hospital gefahren. Das Ergebnis der Blutuntersuchung, was wir dann recht schnell bekamen, war, dass Oskar sich die Influenza A eingefangen hat. Gar nicht schön. Vor allem nicht, da wir bei unseren Freunden mit Kleinkind wohnten.
Irgendwann gegen 24 Uhr sind wir von der Notaufnahme auf die Station gefahren worden, wo Oskar (zur Beobachtung) und ich über Nacht blieben. Bei der Aufnahme auf der Station wurde Oskar vermessen und gewogen. Größe 155,5 cm und 48 kg. Das waren 3 cm mehr, als noch vor 7 Wochen zu Hause gemessen.
Samstag kamen uns Pollie und Christian vormittags besuchen. Und am Samstag war auch der Abholtag für unseren Camper, den wir für 5 Wochen gebucht hatten. Weil Oskar über den Tag fieberfrei geblieben ist und auch sonst keine weiteren Beschwerden, außer bleierner Müdigkeit aufwies, wurde er nachmittags entlassen.
Deshalb hat Christian den Camper Zusammen mit Pollie und Sean abgeholt und uns dann am Nachmittag aus dem Krankenhaus mit „nach Hause „genommen.
Von Samstagabend bis Mittwoch standen wir bei Java und Sean in der Straße und haben dort campiert. Dummerweise hat sich der Virus auch bei Ihnen ein Opfer gesucht und es hat den kleinen Seneca erwischt. Die Geburtstagparty, die von langer Hand mit viel Liebe und Aufwand organisiert war, wurde abgesagt und wir hatten ein furchtbar schlechtes Gewissen, da wir den Virus eingeschleppt hatten. So ist Oskar nur selten und wenn dann mit Mundschutz bewappnet ins Haus gegangen.
Die Ärzte im Krankenhaus versicherten uns dass es keinen Grund gäbe unsere Reise abzubrechen oder zu verkürzen. Da Oskars Krampfanfälle immer nur in Verbindung mit Fieber auftreten (das letzte Mal allerdings vor 5 Jahren), sollten wir darauf achten, dass wir fiebersenkende Mittel dabei haben und bei auftretendem Fieber, die nächstgrößere Stadt mit Krankenhaus aufsuchen sollten.
Nach Rücksprache mit dem Team der Neurologie wurde für uns ein ganz kurzfristiger Termin für ein Schlafentzugs-EEG für Dienstag und am Mittwoch die Untersuchung und Besprechung der Ergebnisse vereinbart. Sie wollten sicher gehen, dass alles in Ordnung ist. Das hatten wir zwar schon in Deutschland abklären lassen, aber sicher ist sicher.
Alles in allem hatten wir Glück im Unglück. Nicht auszudenken, wäre das irgendwo im Nirgendwo passiert. So waren wir direkt in der Großstadt mit einem hervorragenden Krankenhaus. Nach diesem Kurzaufenthalt haben wir eine Ahnung bekommen, warum das Gesundheitssystem in den USA so teuer ist. Im ER war gleich ein Team von fünf Leuten, bestehend aus Ärzten, Assistenzärzten, Schwestern und Pflegern, bei Oskar. Die Zimmer auf Station waren schon fast luxuriös ausgestattet mit Video on Demand, Computerspielen und einem Roomservice mit einer 1a-Speisekarte. (Allerdings war Oskar nicht wirklich nach Essen zu mute und für einen Spielfilm haben wir 6 Stunden gebraucht, da er immer wieder zwischendurch geschlafen hat.)
Das heißt aber nicht, dass wir das noch mal haben müssen. Definitiv nicht.
Der Neurologe entließ uns schließlich am Mittwoch Mittag mit besten Wünschen und beruhigenden Ergebnissen. Auch er empfahl uns, Oskar fieberfrei zu halten und hat uns mit einem Notfallmedikament, für den Fall der Fälle ausgerüstet. Er redete Oskar ins Gewissen immer ausreichend zu schlafen. Vor allem im Flugzeug – anstatt Filme zu kucken. Die Begeisterung ob dieser Aussage stand Oskar ins Gesicht geschrieben. 😉
Im Anschluss haben wir uns noch einmal von unseren lieben Freunden verabschiedet um uns dann auf unseren Weg zu machen. Eigentlich wollten wir ja 4-5 Tage nach Vancouver Island fahren. Das haben wir, aufgrund der unfreiwilligen Verlängerung in Seattle, schweren Herzens verworfen und sind direkt zu unserem zweiten Ziel dem Olympic National Parc gefahren.
Außerdem sehnen wir uns alle jetzt erst mal nach ganz viel Ruhe und viel Natur, um uns von dem Schrecken zu erholen. Und Oskar braucht etwas Zeit, um sich auszukurieren.
(Fotos folgen, wenn wir mal wieder Zugang zu einem vernünftigen WiFI haben.)
Ich hoffe, Oskar geht es wieder besser und ihr könnt die Weiterfahrt genießen! Dicken Kuss von uns 😘
Oskar ist wieder ganz der Alte und die Kinder zanken sich schon wieder fleißig…. Auch der Appetit ist wieder da. Liebe Grüße von uns vieren!
Es ist immer wieder toll Eure Berichte zu lesen und die vielen tollen Fotos zu sehen. Weiterhin viele schöne Eindrücke und keine „Notfälle“ wünschen Euch die Schüttes.
Schön dass Oskar wieder gesund ist!
Ich habe ein bißchen mitgefiebert beim Lesen…- und genieße nun eure wunderschönen Bilder aus dem Olympic National Park. Endlich Ruhe ….
Hugs, Kim and Julia Mari