Rechteckig, praktisch, gut

Rechteckig, praktisch, gut

Oktober 2, 2019 1 Von Nuroma

Oregon 24.9.-1.10.2019, Bruceport County bis Wedderburn

Das Leben im Camper auf ca. 16 qm inklusive Toilette und Dusche hat es in sich. Sowohl im positiven als auch im nicht so positiven. Alles will wohl verstaut sein und alles sollte seinen festen Platz haben. Erstaunlicherweise ist dem aber nicht so. Auch nicht seit mittlerweile 5 Wochen im Wohnmobil. (Wir haben in den USA das gleiche Modell wie in Kanada.) Beständig fliegt etwas in der Gegend herum und Dinge verschwinden auf mysteriöserweise, vorzugsweise Pollies Socken, die sich fast nur noch in bunten Paaren zusammengefunden haben. (Über Dreck und Krümel auf dem Boden und Bett sind wir längst drüber weg, das gehört mittlerweile dazu)

Eine weitere Herausforderung besteht für uns alle darin sich Raum zu schaffen. Wie das auf 16 qm funktioniert soll? Sehr gute Frage. Das klappt fast gar nicht. Kritisch wird es, wenn es regnet und die Kinder sich mit Hausaufgaben beschäftigen dürfen. Spätestens nach 10 Minuten flippt eines der beiden aus, da es sich durch den anderen beim Lernen gestört fühlt. Ergo werden nur noch Hausaufgaben gemacht, wenn das Wetter trocken ist und einer von beiden draußen sitzen kann. Quasi eine Schönwetterbeschulung.

Wir Erwachsenen haben erst dann etwas Zeit und Ruhe, wenn die Kinder schlafen, wir die Vorhänge zuziehen und in Ruhe lesen können. Reden geht ja auch nicht, da die Kids sonst wach werden. Freiräume ergeben sich aber auch dann, wenn ein Spielplatz vorhanden ist oder wir am Strand sind. Dann geht auch mal reden…

Ansonsten sind wir 24/7 on Duty. Das habe ich ehrlich gesagt völlig unterschätzt bzw. verdrängt. Und es ist eine totale Umgewöhnung und wir alle sind abhängig von den Launen der anderen. Puh, da gibt es dann immer mal zwischendurch ein Feuerwerk an Emotionen und auch kleine Eruptionen, bei denen die Gefühle nur so hochbrodeln.

Aber gut, das ist ja auch durchaus zu Hause mal so. Nur da kann man sich auch mal verkrümeln und eine Tür zumachen. Die einzige Tür, die man hier zumachen kann ist die Toilettentür. Und dahin möchte man sich nicht wirklich zurückziehen.

Da bin ich voll und ganz bei Oskar, der zwischenzeitlich ganz dolles Heimweh hatte und sich nach seinem Zimmer sehnt. Und auch die Freunde und Oma werden sehr vermisst – von beiden. Nee, eigentlich von allen.

Christian könnte wohl auch schon wieder etwas arbeiten, es geht aber noch. Und ich sehne mich nach einem richtigen Bett und viel Schlaf. Ich bin nachts oft wach und höre allesmögliche an Geräuschen und kann dann nicht mehr einschlafen.

Aber das nur mal so am Rande….

Die langen Strecken, die wir hier mitunter zurücklegen müssen (Es ist hier alles sooooo groß und soooo weit auseinander) schaffen wir nur mit der Hilfe der ‚Drei Fragezeichen’. Dank Pepe (aus Berlin) haben wir entspannte 120 Folgen dabei, die auf den Fahrten gehört werden können. Da sind 2-3 Stunden mal schnell vorbei, ganz ohne Murren und Knurren.

 

Jetzt aber zur Route: am Dienstag morgen sind wir nach einer regnerischen lauten Nacht bei strahlendem Sonnenschein aufgewacht. Die Sonne begleitete uns den ganzen Tag, auch bei unserem kurzen Stopp in Portland. Dort haben wir eine kleine Shoppingtour gestartet: Pollie brauchte dringend Leggings, Christian eine Hoody-Jacke (die alte ist wohl lost in Seattle) und dann brauchten wir mal wieder etwas Lesestoff. In Portland gibt es Powell’s City of Books, den größten unabhängigen Buchladen in der Welt. (so heißt es im Reiseführer) Der Laden beherbergt mehr als eine Million Bücher. Hier gibt es einfach alles: neue, alte und gebrauchte Bücher, Raritäten und Out-of-print-Exemplare in jedweder Kategorie. Und dann kann man auch noch alles gut finden. Die 3.500 Bereiche sind in neun verschiedene Farbkategorien unterteilt, die sich in den jeweils farbigen Räumen befinden. Christian hat einen Krimi gefunden und Oskar und Pollie sind in der Kinderabteilung sowohl Deutsch als Englisch fündig geworden.

Seitdem hört Pollie gar nicht mehr auf zu lesen und kann sich nicht mehr von ihren Büchern trennen.

Auf unserem Campground in Barton Parc haben wir nicht mehr viel gemacht. Die Mücken haben die Kids vom Spielplatz vertrieben und wir sind alle früh ins Bett gegangen.

Mit wunderbaren Sonnenschein, etwas Yoga und Joggen, sind wir mal wieder etwas später, dafür aber auch entspannter losgekommen. Da es hier morgens oft geregnet hat oder die Campsites mit Schotter ausgelegt sind, war Yoga für mich oft nicht möglich. Der Camper ist dafür auch leider zu klein. Das fehlt mir schon ein bisschen, da das meine Quality-time ist in der ich mich etwas entspannen, runterfahren und meinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Also warte ich auf Sonne und Gras.

Apropos Gras, entlang der Route gibt es in fast jedem Dorf und jeder Kleinstadt, jedenfalls in Washington und Oregon, Smoke-Stopps. Läden in denen man Marihuana kaufen kann. Das ist nämlich in den beiden Bundesstaaten legal. Wahrscheinlich gibt es die auch als Drive-in. Das hat uns ehrlich gesagt erstaunt, da wir das nicht erwartet hatten. Die USA überraschen uns täglich neu.

Unser Tagesziel lag in Warm Springs Reservation. Wir wollten die heißen Quellen besuchen und uns etwas mit warmen Wasser und Blubberbecken verwöhnen lassen.

Auf dem Weg dorthin sind wir fast ausgeflippt, so schön war die Landschaft. Um auf die Hochebene zu gelangen sind wir ewig durch Wälder gefahren, bis wir um die Ecke bogen und uns auf einmal auf einer riesigen Steppe wieder zu finden. Die war inmitten schneebedeckter Berge und einfach unfassbar weit. Nach einer Weile ging es wieder um eine Kurve und wir waren mitten in der Kulisse eines Western. Es fehlten nur noch die Indianer auf Pferden, die sich auf den Bergplateaus aufreihten.

Unfassbar schön. So schön, dass mir vor lauter Glück die Tränen kamen. Einfach unbeschreiblich und ergreifend, was sich die Natur da so an Schönheiten ausgedacht hat.

Vor allem so unerwartet und so geballt.

Das Glücksgefühl verflog dann etwas als wir an dem Warmsprings-Resort ankamen – es hatte geschlossen, und dass wohl für immer.

Völlig enttäuscht haben wir dann Kurs zu unserem nächsten Campground gemacht. Der Lake Simtustus Campground war sehr abenteuerlich zu erreichen. Unser Navi führte uns bergauf auf engen Straßen durch Baustellen und Straßen ohne Asphalt  und dann bergab auf superengen Straßen bis zum Campingplatz. Der Weg war wirklich abenteuerlich und alle waren so gespannt ob der Straßenverhältnisse, dass keiner gesprochen hat und die Kinder hinten die Luft angehalten haben. Pollie war das alles gar nicht geheuer, da es auf der rechten Seite auch noch steil bergab ging.

Aber den Weg hat sich gelohnt. Wir hatten einen wundervollen Platz direkt am See und konnten in Ruhe die Sonne und die lauschigen Temperaturen von 24 Gad genießen. Allerdings war selbst den Kindern das Wasser im See zum Schwimmen zu kalt.

Der Inhaber war ein total netter Typ, der uns sehr eindringlich darauf hinwies keine Essensreste draußen liegen zu lassen, da die Waschbären sonst kommen.

Aber auch ohne Essensreste haben die kleinen Räuber nachts randaliert und irgendwann schepperte es auch ganz gewaltig.

Morgens stellen wir fest, dass die Burschen eine große Mülltonne umgekippt haben. Gesehen haben wir aber leider keinen Waschbären.

Am nächsten Morgen sind wir erst gegen Mittag losgekommen. Es war einfach zu schön und sonnig am See als dass wir wieder weiter wollten. Aber wir wollten die Rundtour auf dem Cascade Lakes Highway machen und waren recht spät dran.

Je näher wir zum Cascades Lakes Highway kamen desto grauer und kälter wurde es. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit und der Dunkelheit, haben wir uns einen Campground gesucht und schließlich auch gefunden. Der Elk Lake Campground. So basic und so leer hatten wir es bisher noch gar nicht. Allerdings auch noch nicht so günstig. Mit 14 Dollar waren wir dabei – ein echtes Schnäppchen, allerdings so ohne alles (Strom Wasser, Abwasser und Duschen). Abends fing es dann endlich mal wieder an zu regnen und wir haben unser mobiles Heim noch mal umgeparkt und sind auf einen anderen Stellplatz gefahren. Wir wollten nicht wieder unter Bäumen stehen und wildes Gepladder auf dem Dach haben. Da haben wir mal echt etwas gelernt.

Der Wetterdienst drohte eine Kaltwetterfront an – und die kam mit voller Macht. Es war nachts nur 1 Grad und wir haben so richtig dolle gefroren. Die Kinder haben mit doppelter Decke, Hoody und Mütze geschlafen und ich habe mit 2 Pullovern, Hose, Mütze und dicke Socken. Wir haben es aber unbeschadet überstanden und sind alle recht fit.

Morgens ist ein Silber-Fuchs bei uns am Camper vorbeigelaufen. Leider konnten wir kein Foto von ihm machen, da er so fix war. Aber die Eichhörnchen und Chipmunks haben wir erwischt. Also fotografisch.

Da am Crater Lake, unserer nächsten Station, für die nächsten Tage Schnee angesagt war, haben wir kurzerhand unsere Pläne geändert und sind wieder in Richtung Küste gefahren. In Westfir, auf Casey’s Campground an einem kleinen Bach mit vielen Fliegenfischern haben wir eine Nacht gestanden. Hier gab es mal wieder ein gutes WiFi und wir konnten ohne Probleme nach Hause telefonieren.

Weil es abends trocken war haben wir draußen und im Dunkeln gegessen. Vorher haben die Kinder wild mit dem Besen und Frisbee-Scheibe eine Art Baseball gespielt. War lustig anzusehen und sie hatten jede Menge Spaß.

Am Samstag, den 28.9. sind wir in Florence an der Küste angekommen. Hier haben wir insgesamt 3 Nächte verbracht. Wir waren viel am Strand, der ein bisschen an Sankt-Peter-Ording erinnerte und danach bei den Dunes of Oregon. Das ist eine riesige Dünenlandschaft mit Wäldern und Süsswasserseen zwischendurch. Sehr beeindruckend und bei Sonnenschein sehr gut auszuhalten. Mit den ganzen Pinien hatte ich etwas Südfrankreich-Feeling.

Die Kinder sind die Dünen hoch- und runtergelaufen und haben alles gegeben. Pollie hat kurz vor unserer Abreise Bekanntschaft mit dem kalten Nass des Sees gemacht, als sie von oben herunterrannte und dann aber ausgerutscht ist und mit einem lauten Platsch in voller Montur im Wasser landete. Brr. Sie hat es mit Humor genommen.

Unsere letzte Station in Oregon auf dem Highway 101 ist das kleine Örtchen Wedderburn. Hier sind wir auf dem Oceanside RV Park gelandet mit Aussicht auf den Strand. Mit einem sehr urigen Eigentümer mit Cowboyhut, der uns verwundert fragte, warum in aller Welt wir denn weiter nach Kalifornien wollten…

Ganz einfach: uns treibt die Kälte südwärts!

California here we come!

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